„Kenne dich selbst“ von Novalis

Eins nur ist, was der Mensch zu allen Zeiten gesucht hat;
Überall, bald auf den Höhn, bald in dem Tiefsten der Welt –
Unter verschiedenen Namen – umsonst – es versteckte sich immer,
Immer empfand er es noch – dennoch erfasst er es nie.
Längst schon fand sich ein Mann, der den Kindern in freundlichen Mythen
Weg und Schlüssel verriet zu des Verborgenen Schloss.
Wenige deuteten sich die leichte Chiffre der Lösung,
Aber die wenigen auch waren nun Meister des Ziels.
Lange Zeiten verflossen – der Irrtum schärfte den Sinn uns –
Daß uns der Mythus selbst nicht mehr die Wahrheit verbarg.
Glücklich, wer weise geworden und nicht die Welt mehr durchgrübelt,
Wer von sich selber den Stein ewiger Weisheit begehrt.
Nur der vernünftige Mensch ist der echte Adept – er verwandelt
Alles in Leben und Gold – braucht Elixiere nicht mehr.
In ihm dampfet der heilige Kolben – der König ist in ihm –
Delphos auch und er fasst endlich das: Kenne dich selbst.

https://gutenberg.spiegel.de/buch/gedichte-9082/39

Mein Leben ist nicht diese steile Stunde (Rilke)

Mein Leben ist nicht diese steile Stunde,
darin du mich so eilen siehst.
Ich bin ein Baum vor meinem Hintergrunde,
ich bin nur einer meiner vielen Munde
und jener, welcher sich am frühsten schließt.

Ich bin die Ruhe zwischen zweien Tönen,
die sich nur schlecht aneinander gewöhnen:
denn der Ton Tod will sich erhöhn—

Aber im dunklen Intervall versöhnen
sich beide zitternd.

Und das Lied bleibt schön.

aus: Das Stundenbuch
(1899)

My life is not this vertical hour
in which you find me in such haste.
I am a tree in front of my own background,
I am only but one of my many mouths,
and the one which is the first to close.

I am the silence between two sounds
that only with difficulty grow used to one another:
for the tone of Death also wishes to be heard—

But in the darkness of the interval
they make peace with one another, trembling.

And the song remains beautiful

„Gingko Biloba“ (Goethe)

Eigenes Foto

Dieses Baumes Blatt, der von Osten 
Meinem Garten anvertraut, 
Gibt geheimen Sinn zu kosten, 
Wie’s den Wissenden erbaut.

Ist es ein lebendig Wesen, 
Das sich in sich selbst getrennt? 
Sind es zwei, die sich erlesen, 
Dass man sie als eines kennt?

Solche Fragen zu erwidern
Fand ich wohl den rechten Sinn. 
Fühlst du nicht an meinen Liedern, 
Dass ich eins und doppelt bin ?

Johann Wolfgang von Goethe 1815
(1749 – 1832)