„Kenne dich selbst“ von Novalis

Eins nur ist, was der Mensch zu allen Zeiten gesucht hat;
Überall, bald auf den Höhn, bald in dem Tiefsten der Welt –
Unter verschiedenen Namen – umsonst – es versteckte sich immer,
Immer empfand er es noch – dennoch erfasst er es nie.
Längst schon fand sich ein Mann, der den Kindern in freundlichen Mythen
Weg und Schlüssel verriet zu des Verborgenen Schloss.
Wenige deuteten sich die leichte Chiffre der Lösung,
Aber die wenigen auch waren nun Meister des Ziels.
Lange Zeiten verflossen – der Irrtum schärfte den Sinn uns –
Daß uns der Mythus selbst nicht mehr die Wahrheit verbarg.
Glücklich, wer weise geworden und nicht die Welt mehr durchgrübelt,
Wer von sich selber den Stein ewiger Weisheit begehrt.
Nur der vernünftige Mensch ist der echte Adept – er verwandelt
Alles in Leben und Gold – braucht Elixiere nicht mehr.
In ihm dampfet der heilige Kolben – der König ist in ihm –
Delphos auch und er fasst endlich das: Kenne dich selbst.

https://gutenberg.spiegel.de/buch/gedichte-9082/39

Schöpfungsmythen. Erzählungen vom Anfang der Menschheit

Doku 2010 Schöpfungsmythen Erzählungen vom Anfang der Menschheit Neun Erzählungen vom Anfang aller Dinge Der Filmemacher Jochen Richter besuchte im Jahr 2008 zwölf indigene Völker rund um den Globus. Neun Erzählungen fanden Platz in dieser Dokumentation. Der Filmautor traf in Südamerika die Tupari am Rio Branco, nahe der bolivianischen Grenze. In Afrika besuchte er die Bidjogos auf einem Archipel vor Guinea-Bissau, die Dogon in Mali und die Himba im Norden Namibias. In Arizona drehte er bei den Navajos im Canyon de Cheilly, und in Grönland traf er eine Inuit in Ilulissat. In Westaustralien besuchte er eine Aboriginee-Sippe und im Südwesten Chinas ein Bergdorf der Naxi-Minderheit. In der westlichen Mongolei traf er den Shamanen und Häuptling der Tuva. Dreharbeiten in Island und Ägypten schlossen die 84 Tage dauernde Reise ab.

Genesis

  • DAS ERSTE BUCH MOSE (GENESIS) (1.Mose 1,1-2)
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1 Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. 

Hieronymus Bosch [Public domain], via Wikimedia Commons

2 Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser. 

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3 Und Gott sprach: Es werde Licht! und es ward Licht. 
4 Und Gott sah, daß das Licht gut war. Da schied Gott das Licht von der Finsternis 
5 und nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht. Da ward aus Abend und Morgen der erste Tag. 

Michelangelo [Public domain], via Wikimedia Commons


6 Und Gott sprach: Es werde eine Feste zwischen den Wassern, und die sei ein Unterschied zwischen den Wassern. 
7 Da machte Gott die Feste und schied das Wasser unter der Feste von dem Wasser über der Feste. Und es geschah also. 
8 Und Gott nannte die Feste Himmel. Da ward aus Abend und Morgen der andere Tag. 

Escher – Genesis 1-9


9 Und Gott sprach: Es sammle sich das Wasser unter dem Himmel an besondere Örter, daß man das Trockene sehe. Und es geschah also. 
10 Und Gott nannte das Trockene Erde, und die Sammlung der Wasser nannte er Meer. Und Gott sah, daß es gut war. 
11 Und Gott sprach: Es lasse die Erde aufgehen Gras und Kraut, das sich besame, und fruchtbare Bäume, da ein jeglicher nach seiner Art Frucht trage und habe seinen eigenen Samen bei sich selbst auf Erden. Und es geschah also. 
12 Und die Erde ließ aufgehen Gras und Kraut, das sich besamte, ein jegliches nach seiner Art, und Bäume, die da Frucht trugen und ihren eigenen Samen bei sich selbst hatten, ein jeglicher nach seiner Art. Und Gott sah, daß es gut war. 
13 Da ward aus Abend und Morgen der dritte Tag. 

Michelangelo [Public domain], via Wikimedia Commons


14 Und Gott sprach: Es werden Lichter an der Feste des Himmels, die da scheiden Tag und Nacht und geben Zeichen, Zeiten, Tage und Jahre 
15 und seien Lichter an der Feste des Himmels, daß sie scheinen auf Erden. Und es geschah also. 
16 Und Gott machte zwei große Lichter: ein großes Licht, das den Tag regiere, und ein kleines Licht, das die Nacht regiere, dazu auch Sterne. 
17 Und Gott setzte sie an die Feste des Himmels, daß sie schienen auf die Erde 
18 und den Tag und die Nacht regierten und schieden Licht und Finsternis. Und Gott sah, daß es gut war. 
19 Da ward aus Abend und Morgen der vierte Tag. 

Tintoretto

20 Und Gott sprach: Es errege sich das Wasser mit webenden und lebendigen Tieren, und Gevögel fliege auf Erden unter der Feste des Himmels. 
21 Und Gott schuf große Walfische und allerlei Getier, daß da lebt und webt, davon das Wasser sich erregte, ein jegliches nach seiner Art, und allerlei gefiedertes Gevögel, ein jegliches nach seiner Art. Und Gott sah, daß es gut war. 
22 Und Gott segnete sie und sprach: Seid fruchtbar und mehrt euch und erfüllt das Wasser im Meer; und das Gefieder mehre sich auf Erden. 
23 Da ward aus Abend und Morgen der fünfte Tag. 

Michelangelo [Public domain], via Wikimedia Commons
Jan Brueghel der Jüngere [Public domain], via Wikimedia Commons


24 Und Gott sprach: Die Erde bringe hervor lebendige Tiere, ein jegliches nach seiner Art: Vieh, Gewürm und Tiere auf Erden, ein jegliches nach seiner Art. Und es geschah also. 
25 Und Gott machte die Tiere auf Erden, ein jegliches nach seiner Art, und das Vieh nach seiner Art, und allerlei Gewürm auf Erden nach seiner Art. Und Gott sah, daß es gut war. 
26 Und Gott sprach: Laßt uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über die ganze Erde und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht. 
27 Und Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie einen Mann und ein Weib. 
28 Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehrt euch und füllt die Erde und macht sie euch untertan und herrscht über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über alles Getier, das auf Erden kriecht. 
29 Und Gott sprach: Seht da, ich habe euch gegeben allerlei Kraut, das sich besamt, auf der ganzen Erde und allerlei fruchtbare Bäume, die sich besamen, zu eurer Speise, 
30 und allem Getier auf Erden und allen Vögeln unter dem Himmel und allem Gewürm, das da lebt auf Erden, daß sie allerlei grünes Kraut essen. Und es geschah also. 
31 Und Gott sah alles an, was er gemacht hatte; und siehe da, es war sehr gut. Da ward aus Abend und Morgen der sechste Tag.

Hildegard von Bingen [Public domain], via Wikimedia Commons

[Kap. 2:] 1. So wurden vollendet Himmel und Erde mit ihrem ganzen Heer.

  1. Und so vollendete Gott am siebenten Tage seine Werke, die er machte, und ruhte am siebenten Tage von allen seinen Werken, die er gemacht hatte.
  2. Und Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn, weil er an ihm ruhte von allen seinen Werken, die Gott geschaffen und gemacht hatte.
  3. So sind Himmel und Erde geworden, als sie geschaffen wurden.

Der Kosmos – Hildegard von Bingen

Meister des Hildegardis-Codex [Public domain]

„Danach sah ich ein riesenhaftes Gebilde, und schattenhaft. Wie ein Ei spitzte es sich oben zu, wurde in der Mitte breiter und nach unten zu
wieder schmäler.

Seine äußerste Schicht ringsum war lichtes Feuer.

Darunter lagerte eine finstere Haut. In dem lichten Feuer schwebte ein rötlich funkelnder Feuerball, so groß, dass das ganze Gebilde von ihm sein Licht empfing.

Drei Leuchten brannten der Reihe nach über ihm. Sie gaben ihm Halt durch ihre Glut, damit er nicht versinke.

Zuweilen hob sich der Feuerball empor, und viel Feuer sprühte ihm entgegen, so dass seine Flammen weiter hinausloderten. Zuweilen neigte er sich nach unten. Doch kam ihm von daher viel Kälte entgegen, und rasch zog er seine Flammen wieder zurück.

Von der lichten Feuerzone, die rings das Gebilde umgab, ging ein Wind mit seinen Wirbeln aus.

Auch aus der finsteren Haut, die darunter lagerte, brach ein Wind und blies mit seinen Wirbeln da und dorthin durch das Gebilde. In dieser Haut glühte ein solch schauerlich düsteres Feuer, dass ich es nicht anzuschauen vermochte. Es wütete so stark, dass die ganze Haut davon erschüttert ward, denn es war voll von Getöse, Sturmgebrause und spitzigen Steinen, groß und klein.

Wenn es zu toben begann, dann gerieten auch das lichte Feuer, die Winde und die Luft in Aufruhr. Sie entsandten ihre Blitze, die dem Getöse zuvorkamen, denn das Feuer verspürte sogleich in sich die erste Regung des Getöses.

Unter der finsteren Haut flutete der reinste Äther. Er hatte keine Haut unter sich, doch erblickte ich in ihm eine sehr große, weiß glänzende Feuerkugel.

Deutlich sichtbar standen über ihr zwei Leuchten, die sie hielten, auf dass sie die ihr vorgezeichnete Bahn nicht überschreite.

Und eine Menge kleinerer Lichtkugeln waren durch den Äther verstreut. In sie entleerte sich zuweilen die Feuerkugel. Dabei verlor sie ihren hellen Schein.

Doch alsbald kehrte sie unter den früher erwähnten rot funkelnden Feuerball zurück und entzündete an ihm aufs neue ihre Flammen, um sie dann wieder unter die Kugeln auszustrahlen.

Auch von dem Äther brach ein Wind aus und durchjagte das ganze Gebilde.

Unterhalb des Äthers sah ich dunstige Luft und darunter eine weiße Haut. Der Dunst flutete hin und her und versorgte das ganze Gebilde mit Feuchtigkeit. Manchmal ballte er sich plötzlich zusammen. Dann entströmten ihm heftig rauschende Platzregen. Dann wieder dehnte er sich gelinde aus und träufelte wohltuendes, sanft herabfallendes Nass. Auch in ihm nahm ein Wind seinen Ursprung und wehte mit seinen Wirbeln überallhin durch das Gebilde.

Inmitten all dieser Elemente schwebte eine gewaltige Sandkugel, so von ihnen ringsum gehalten, dass sie nach jeder Seite vor dem Herabfallen gesichert war. Doch wenn zuweilen die Elemente und die Winde einander schüttelten, brachten sie durch ihre Wucht auch die Kugel ein wenig ins Schwanken.

Darauf sah ich zwischen Norden und Osten einen riesigen Berg. Seine Nordseite lag im Finstern, während die dem Osten zugekehrte Fläche in hellem Licht strahlte, so jedoch, dass weder das Licht der Finsternis, noch die Finsternis das Licht berühren konnte.“

von: http://anthroposophie.byu.edu/mystik/scivias.pdf

Rig Veda X. 129 – Schöpfungsmythen 2

Der Ursprung der Dinge

  1. Weder Nichtsein noch Sein war damals; nicht war der Luftraum noch der Himmel darüber. Was strich hin und her? Wo? In wessen Obhut? Was war das unergründliche tiefe Wasser?
  2. Weder Tod noch Unsterblichkeit war damals; nicht gab es ein Anzeichen von Tag und Nacht. Es atmete nach seinem Eigengesetz ohne Windzug dieses Eine. Irgend ein Anderes als dieses war weiter nicht vorhanden.
  3. Im Anfang war Finsternis in Finsternis versteckt; all dieses war unkenntliche Flut. Das Lebenskräftige, das von der Leere eingeschlossen war, das Eine wurde durch die Macht seines heißen Dranges geboren.
  4. Über dieses kam am Anfang das Liebesverlangen, was des Denkens erster Same war. – Im Herzen forschend machten die Weisen durch Nachdenken das Band des Seins im Nichtsein ausfindig.
  5. Quer hindurch ward ihre Richtschnur gespannt, Gab es denn ein Unten, gab es denn ein Oben? Es waren Besamer, es waren Ausdehnungskräfte da. Unterhalb war der Trieb, oberhalb die Gewährung.
  6. Wer weiß es gewiss, wer kann es hier verkünden, woher sie entstanden, woher diese Schöpfung kam? Die Götter kamen erst nachher durch die Schöpfung dieser Welt. Wer weiß es dann, woraus sie sich entwickelt hat?
  7. Woraus diese Schöpfung sich entwickelt hat, ob er sie gemacht hat oder nicht – der der Aufseher dieser Welt im höchsten Himmel ist, der allein weiß es, es sei denn, dass auch er es nicht weiß.

Die deutsche Übersetzung ist die seit dem Jahr 2000 gemeinfreie Übersetzung des Marburger Indologen Karl Friedrich Geldner (1852-1929), die posthum als „Der Rig-Veda. Aus dem Sanskrit ins Deutsche übersetzt…“ (Harvard Oriental Series, 33-36, Bd.1-3: 1951 ff.) in Cambridge in den USA erschienen ist. Thomas Barth aus Berlin hat dankenswerterweise diese Geldner-Übersetzung als elektronische Datei erfaßt und auf seiner Website zur Verfügung gestellt (http://www.thombar.de).

Schöpfungsmythen 1

Star Ushak‘ Carpet, spätes 15. Jahrhundert
Foto: public domain

Das Verhältnis zwischen dem Endlichen und Unendlichen, zwischen der Welt wie wir sie kennen und dem was vor unserer Wahrnehmung verborgen sein mag, ist eines der zentralen Themen der Schöpfungsmythen. Die zentralen Muster des obigen Teppichs hören an der inneren rechteckigen Begrenzung in einer etwas disharmonischen Weise auf und geben den Eindruck, dass die Muster über oder unter diese Begrenzung weiter gehen. Diese Art der Darstellung ist sehr wahrscheinlich absichtlich kreiert worden, um den Kontrast zwischen dem Unbegrenzten des Göttlichen und die Begrenzungen der menschlichen Wahrnehmung darzustellen.