Objektive Kunst

„In wirklicher Kunst ist nichts zufällig. Sie ist mathematisch. Alles kann in ihr vorausberechnet werden, alles kann im Voraus erkannt werden. Der Künstler weiß und versteht, was er mitteilen will, und sein Werk kann nicht einen Eindruck auf einen Menschen und einen anderen auf den nächsten machen — vorausgesetzt natürlich, dass beide auf der gleichen Stufe stehen. Es wird immer, mit mathematischer Gewissheit, einen und denselben Eindruck hervorrufen.“

„Aber gleichzeitig wird das gleiche Kunstwerk auf Menschen verschiedener Seinsstufen einen verschiedenen Eindruck machen. Menschen auf  niedrigeren Stufen werden nie soviel davon haben wie Menschen auf  höheren Stufen. Das ist wirkliche, objektive Kunst.“

„Denken Sie sich ein wissenschaftliches Werk, ein Buch über Astronomie oder Chemie. Es ist ausgeschlossen, dass ein Mensch es auf eine Weise versteht und der nächste auf eine andere. Jeder genügend  Vorbereitete, der dieses Buch liest, wird verstehen, was der Autor meint, und zwar genau so wie er es meint.“

„Ein objektives Kunstwerk ist genau so ein Buch, mit dem Unterschied, dass es nicht nur die denkerische, sondern auch die Gefühlsseite des Menschen anspricht.“

„Gibt es auch heute noch Werke von objektiver Kunst?“ fragte ich.

„Natürlich gibt es sie“, antwortete G. „Die große ägyptische Sphinx ist so ein Kunstwerk, ebenso wie einige geschichtlich bekannte Bauwerke, einige Götterstatuen und viele andere Dinge. Es gibt Statuen von Göttern und verschiedenen mythologischen Gestalten, die man wie Bücher lesen kann, allerdings nicht mit dem Denken, sondern mit den Gefühlen, vorausgesetzt, dass diese genügend entwickelt sind. Im Verlauf unserer Reisen in Zentralasien fanden wir in der Wüste, am Fuße des Hindukusch, eine seltsame Figur, die wir zuerst für einen alten Gott oder Teufel hielten. Zuerst erweckte sie in uns nur den Eindruck einer Kuriosität. Aber nach kurzer Zeit begannen wir zu fühlen, dass diese Figur viele Dinge enthielt, ein großes, vollständiges und komplexes System der Kosmologie. Und langsam, Schritt für Schritt, begannen wir dieses System zu entziffern. Es war im Körper dieser Figur, in ihren Beinen, Armen, in ihrem Kopf, in ihren Augen, in ihren Ohren; überall. In der ganzen Statue gab es nichts Zufälliges, nichts ohne Bedeutung. Und langsam verstanden wir das Ziel der Menschen, die diese Statue geschaffen hatten. Wir begannen ihre Gedanken und Gefühle zu spüren. Einige von uns meinten, ihre Gesichter zu sehen und ihre Stimmen zu hören. Jedenfalls erfassten wir die Bedeutung dessen, was sie uns über die Jahrtausende mitteilen wollten, und nicht nur diese, sondern auch alle damit verknüpften Gefühle und Empfindungen. Das war wirkliche Kunst!“

aus: „Auf der Suche nach dem Wunderbaren“ von P.D. Ouspensky, Seiten 36-38